Neues aus dem Literaturgebiet

der antikunstwolf im literaturschafspelz

Regionalschreiber Brandstifter: Selbstauskunft

my name is stifter, brandstifter. ich habe 1998 alle öffentlichen straßen und plätze zur asphaltbibliotheque erklärt. weil in deutschland alles seine ordnung haben muss, habe ich erstmal eine benutzungsordnung aufgestellt, die das sammeln und benutzen von gefundenen zetteln rechtsverbindlich und systematisch regelt. dann habe ich mein daraufhin obsoletes studium der rechtswissenschaften in den wind geschossen und bin seitdem auf der ganzen welt unterwegs, um verlorene botschaften aufzulesen.

anfangs las ich nur handgeschriebene botschaften mit originellen texten oder schreibfehlern, handgemalten Bildern und Fotoabzügen auf, die ich in form von vergrößerten blow up- repliken den besucher*innen einer mainzer kellergalerie mit einem laubbläser aktivistisch um die ohren blies. 2009 wurde ich dann mit der rheinlandpfälzischen künstlerlandverschickung per luftpost nach new york verschifft und hatte dort trotz, oder vielmehr wegen der rezession, ein halbes jahr a lot of fun (geschlafen wird dort bekanntlich sowieso nicht). hauptsächlich hatte ich damals einen gummistempel mit der aufschrift BRANDSTIFTER MADE IN NEW YORK und natürlich meine konzepte und ein paar instrumente dabei und rückblickend mehr als dreißig aktionen, ausstellungen, performances und konzerte durchgeführt. ich lebte in der flux factory in queens und im eastvillage und bekam von no longer empty einen laden in chinatown für meine aktion the social plastic mit der chinesischen und jüdisch orthodoxen nachbarschaft zur verfügung gestellt. meine brandstiftung funktioniert offensichtlich auf ökonomischer ebene eher antizyklisch und ich hoffe aufgrund meiner latent subversiven systemrelevanz insgeheim auf positive auswirkungen der corona-pandemie bezüglich meiner sogenannten karriere als selbsverstaatlichte V.E.B.-ICH-AG. nicht im sinne von cash from chaos sondern survial of the fittest kunstansatz, denn meine kunst funktioniert auch bei geschlossenen galerien!

nach sechs monaten new york klappte ich mein street-credibilty-proofed konvolut aus schmutzigen flyern, fotos, einkaufszetteln, briefen und botschaften von unten nach oben an eine galeriewand in der lower east side und zeigte der new yorker kunstszene mit meiner asphaltbibliotheque NY, wie ich ihren amazing big rotten apple gefunden hatte. das mache ich seitdem immer so und tummele mich auf artist residencies in deutschland, österreich, indien oder USA, von wo aus ich durch urbane oder ländliche regionen zettelsammelnd dorthin flaniere, wohin mich meine füße tragen möchten.

so wie joseph beuys kenne auch ich keinen feierabend und nutze grundsätzlich fast alle reisen, um asphaltbibliothequen anzulegen. so diente mir 2013 nach meiner rückkehr aus indien eine europatour als experimenteller musiker mit einem projekt aus new york als gelegenheit, mit stippvisitenfunden aus paris, brüssel, düsseldorf, hamburg, berlin, torun, vilnius, riga, wien und mainz innerhalb von drei wochen eine asphaltbibliotheque europe zu errichten und ein paar monate später im goodbye blue monday in brooklyn auszustellen.

zahlreiche künstlerbucharchive und studienzentren für künstlerpublikationen sammeln seitdem die von mir selbst herausgegebenen lost & found artists‘ zines (künstlerhefte). die originale verbleiben, soweit sie nicht in ihrer gesamtheit von öffentlichen kunstsammlungen angekauft werden, in meinem archiv und werden wie guter wein immer interessanter und wertvoller. viele kleine und scheinbar unbedeutende städte und regionen erfreuen sich dort ihrer gesellschaft mit metropolen der welt.

noch im gleichen jahr erschien mein erstes buch über die ersten fünfzehn jahre asphaltbiliotheque im ventil verlag, das ich bei meinem ersten literaturstipendium im künstlerdorf schöppingen im münsterland erarbeitet hatte. dort hatte ich auch mit dem dauerlaufen angefangen und war bei einem sogenannten jedermannslauf, konzeptionell und frei nach hugo von hofmannsthal, unter dem namen jedermann gestartet, um eine urkunde zu erhalten, die bestätigt, dass jedermann in x-minuten rund um den schöppinger berg gelaufen ist. josef spiegel, der findige leiter des künsterdorfs, der mich seitdem immer mal wieder zu projektstipendien für kunst im öffentlichen raum nach NRW einlädt, muss bei meinen performances immer lachen und ich dann auch, wenn ich ihn lachen sehe. übrigens: wenn man über etwas lacht, dann bedeutet dies nicht konkludent, dass man es nicht ernst nimmt. im gegenteil! guter humor hat mehr mit esprit im sinne von witz, geist, schlagfertigkeit und scharfsinnigkeit als mit lächerlichkeit zu tun. daher lehne ich alles ab, was keinen humor zuläßt.

2020 bin ich nun regionsschreiber für den pott geworden und friste seit merz mein interdisziplinäres dasein als literarischer ruhrgebieter in dortmund. bei meinen zahlreichen kunstprojektstipendien hatte ich selten so einen warmen empfang wie den von den stadt.land.text- jurymitgliedern aus dem ruhrgebiet. echte kumpels & kumpelinnen eben. das gilt auch für die literatur- und musikszene. neben enthusiastischer neugierde auf mein projekt erfahre ich nicht nur von den mich in dortmund betreuenden mitarbeiter*innen vom depot freundliche unterstützung in rat und tat, sondern wurde auch von anderen veranstaltern zu weiteren auftritten eingeladen. als dann meine leseperformance in essen coronabedingt ausfiel, verfaßte meine gastgeberin stattdessen einen artikel über mich und verschaffte mir diesen schreibauftrag. letzten sonntag war ich mit einem neuen bekannten per fahrrad in dortmund-süd unterwegs, um über die orte zu schreiben, an denen der musiker fieldrecordings aufnehmen wird.

dabei war meine bewerbung auf die ausschreibung als regionsschreiber mit experimentellen mitteln nicht unumstritten gewesen. doch ich habe meine asphaltbibliotheque in bild, ton und wort nie ausschließlich als konzeptionelles kunstprojekt angesehen. entsprechend verstehe ich mich selbst in erster linie nicht als autor, künstler, musiker oder performer, sondern eben als (interdisziplinärer aktionskünstler) brandstifter, dessen stiftung, im sinne von geschenk, sich durch mein professionelles schaffen in dem manifestiert, was man im allgemeinen unter kunst, literatur, musik oder performance ansieht. damit stehe ich in der tradition von dieter roth und anderen fluxuskünstlern, die sich der festlegung auf eine disziplin durch vielfältiges und intermediales schaffen erfolgreich entzogen hatten. ich glaube zwar an das prinzip der arbeitsteilung, aber gott schütze uns vor fachidioten! literatur ist das geschriebene und damit auch das aufgelesene wort, das ich als anknüpfungspunkt für meinen blog benutze. meiner erfahrung nach haben polarisierende konzepte oft mehr substanz als mediocres find-ich-ganz-nett durchgewunkenes.

seit ostern breche ich mit greifhilfe & gummihandschuh zum safer picking in performativen begehungen aus meiner freiwilligen quarantäne in der dortmunder adlerstraße aus und suche in den damals noch menschenleeren stadtzentren und emscherwegen von bottrop, hagen, herne oder oberhausen nach verlorenen zetteln, die zeugnis über ihre autor*innen und das ruhrgebiet unter corona ablegen. eine besondere zeit und ich war dabei, zusammen mit euch in respektvoller physischer aber keineswegs sozialer distanz.

schon seit zehn jahren fragen mich die leute, was ich machen werde, wenn ich mal keine zettel mehr auf der straßen finde. ob ich dann smartphones sammeln würde, wird da geunkt. nun, erstens bin ich bekennender smartphoneverweigerer, zweitens sammel ich nur geduldig papier und habe drittens ein künstlerbuch mit dem titel brandstifter sucht arbeit und ist froh wenn er keine findet im hybridenverlag veröffentlicht.

es gibt zwar nur eine asphaltbibliotheque, aber fundzettel sammeln kann jeder. und auch du bist ein asphaltbibliothekar: wirf deine gefundenen zettel aus dem ruhrgebiet (bitte nichts selbstgeschriebenes) bis ende juni 2020 entweder direkt ins (fundzettel-)depot am depot dortmund oder schick sie mir per email brand@brand-stiftung.net oder gerne auch schneckenpost an: depot, c/o asphaltbibliothque, immermannstraße 29, 44147 dortmund und werde teil der asphaltbibliotheque ruhrgebiet! ich freue mich auf eure zettel, kommentare & feedback und bin gespannt wie alles weitergehen wird…

 

mit feurigen Grüßen,

euer Brandstifter

www.brand-stiftung.net/

 

 

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