Als Hannes Krauss nicht ohne Stolz 2017 verkündete, dass die Duisburger Autorin Lütfiye Güzel den Literaturpreis Ruhr bekommt, und ungemein schlüssig darlegte, warum sie ihn verdient hat, sortierte er die Überraschungsqualität der Entscheidung gleich neben dem Literaturnobelpreis für Bob Dylan ein. Um sogleich festzustellen, dass die Parallelen damit auch endeten, zumal man Lütfiye Güzel zur Preisverleihung im Literaturhaus Herne begrüßen dürfe, weil sie „überhaupt nicht arrogant ist“.
Hannes Krauss pflegte am Rednerpult, gekrönt von widerspenstigen Locken und der immer noch an das Schwäbische seiner Jugend erinnernden Firnis seines Zungenschlags, einen nicht unerheblichen Teil seiner Persönlichkeit zu entfalten: Eine fast zärtlich gerundete Ironie, die häufig auch der Bedachtsam- und Bedächtigkeit seiner Worte entsprang, ein Denken, das sorgfältig und genau die größtmögliche Nähe zu seinem Gegenstand sucht, um dann wieder jenen Abstand zu nehmen, der intersubjektive Verständigung sucht. Es war dies das wissenschaftliche Verfahren eines Literarhistorikers, der keine Sekunde lang vergaß, auch und gerade an der Universität nicht, dass er Mensch unter Menschen war. Studierenden begegnete er auf Augenhöhe und mit Vertrauensvorschuss, vielleicht noch mehr als man es bei seinem sehr ähnlich agierenden akademischen Kompagnon Jochen Vogt spürte, der ihn Anfang der 70er-Jahre als akademischen Rat an die frischgegründete Universität-Gesamthochschule Essen holte. Die beiden waren nicht nur in der Lage, täuschend echt für den jeweils anderen zu unterschreiben, sie nutzten das und manch anderen Dreh auch, um die universitäre Bürokratie in einer Mischung aus Schwejk und Till Eulenspiegel zur praktischen Vernunft zu verleiten.
Findigkeit war auch so eine Eigenschaft von Hannes Krauss, bei der man nicht recht wusste, ob sie angeboren oder in langen Lehrjahren erworben war. Früh jedenfalls, schon vor dem Studium, musste er als Reiseleiter einer Gruppe von Amerikanern in Moskau dafür sorgen, dass der Leichnam eines Reisenden, den unterwegs der Schlag getroffen hatte, wieder zurück in die USA gelangte – wer je die Bürokratie der Ostblock-Staaten erlebt hat, die Kafkas tödliche Labyrinthe wie Kurorte wirken ließ, mag ahnen, welche Leistung das war.
Russland hatte die unverbrüchliche Zuneigung von Hannes Krauss, der nach etlichen Lehr-Einsätzen nicht von ungefähr zum Ehren-Professor der ostrussischen Universität Chabarowsk ernannt wurde. Die akademischen und auch andere Freunde von dort kamen ihm allerdings immer mehr abhanden, je perfekter die ins Totalitäre strebende Putin-Diktatur die Menschen mit Falschinformationen indoktrinierte oder unter Druck setzte. Kaum etwas hat diesen freiheits- und freudeliebenden Menschen zuletzt so sehr betrübt.
Gefreut hat sich Hannes Krauss immer wieder über Entdeckungen wie die der Verse von Lütfiye Güzel, deren Nonkonformität er allergrößte Sympathie entgegenbrachte, wie auch ihrer Außenseiterposition im Literaturbetrieb. Er selbst gehörte ihm an in der Manier eines undogmatischen Linken, der einerseits wegen eines Fluchthilfe-Versuchs monatelang im DDR-Knast saß, andererseits aber dem behaupteten Grundanliegen des kleineren deutschen Staats, eine Gesellschaft von Freien und Gleichen anzubahnen, mehr als nur Verständnis entgegenbrachte. Das führte dazu, dass sich Krauss mit besonderer Zuneigung der Literatur im vorgeblichen Arbeiter- und Bauern-Staat widmete, weniger deren „Stars“ als vielmehr dem rand- und widerständigen Schreiben, dem eigensinnigen. Helga Schütz, Uwe Kolbe, Christoph Hein, Fred Wander, Elke Erb, Günter de Bruyn, Reiner Kunze, Lutz Seiler und viele mehr. Zu so manchen von ihnen wuchsen gar Freundschaften. Aber auch in der bundesdeutschen Gegenwartsliteratur war Krauss zu Hause, mit besonderem Faible für Autoren wie F.C. Delius, Hilmar Klute oder den Hochleistungs-Ironiker Wilhelm Genazino. Auch „nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Moderator, Literaturkritiker und Universitäts-Dozent für deutsche Literatur“ sei er „noch ein notorischer Leser“, bekundete er als Mitglied in der Jury zum Literaturpreis Ruhr.
Der gehörte Krauss nicht nur gut zwei Jahrzehnte lang an, er arbeitete tatkräftig mit an der Sicherung des Qualitätsniveaus für diesen Preis. Seine Laudationes waren nicht nur ein stilistischer Genuss, sie berührten in ihrer empathischen Hellsicht auch die Geehrten tief, mit Harald Hartung, Judith Kuckart und Lütfiye Güzel verband ihn später noch ein lebhafter, zugewandter Austausch.
Wo Literatur war, in und um Essen, konnte man Hannes Krauss begegnen, die Zahl der Lesungen und Vorträge, die er besuchte, ging in die Hunderte. Und wo Hannes Krauss war, war Literatur, jederzeit war er aus dem Stand bereit, darüber zu reden. Man könnte ihn einen wirklichen „Homme de lettres“ nennen, wenn dieser Begriff nicht viel zu kapriziös wäre für einen so handfesten, bodenständigen Liebhaber der Literatur. Nicht von ungefähr hatte Hannes Krauss im Ruhrgebiet die Land- und Menschenschaft seines Herzens gefunden.
Ebenso wie seine Frau, seine beiden Töchter und die innig geliebten Enkel muss das Revier aber nun ohne ihn auskommen, er starb mit 80 Jahren unerwartet an den Folgen eines scheinbar harmlosen Unfalls. Wir haben einen realistischen Träumer, einen profunden Kenner, einen großartigen Menschen verloren. Unsere Trauer ist so groß wie unsere Dankbarkeit.