Jubiläum

Nichts als gegeben hinnehmen

100 Jahre Max von der Grün (1926-2005)

Max von der Grün während einer Veranstaltung. Foto: Sybille Overmann Waltrop

Max von der Grün lebte und arbeitete als erfolgreicher Autor in Dortmund. Der Stadt „in der ich lebe“, und zu der ihn ein liebevoll-kritisches Verhältnis verband: „Nirgendwo schmeckt das Bier besser“, widmete  er eine „Liebeserklärung an eine Stadt, die ich nicht liebe“.

Mit dem Roman „Irrlicht und Feuer“ begann seine Karriere als Schriftsteller, mit „Vorstadtkrokodile“ schrieb er einen Jugendbuchklassiker und mit „Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich“ warnte er vor den Gefahren rechter Tendenzen.

Das Fritz-Hüser-Institut bewahrt seinen Nachlass auf, der Platz vor der Stadt- und Landesbibliothek trägt seinen Namen ebenso wie die Abendrealschule in Dortmund. Auch in anderen Städten sind Schulen nach ihm benannt.

Das Ruhrgebiet war Max von der Grün zur Heimat geworden, die Menschen hier waren nach seinem Schlag. Ihr Alltag und ihre Arbeit sind das vorherrschende Thema seiner Romane, Erzählungen, Aufsätze und Essays. Dass er damit auch universelle Themen seiner Zeit traf, zeigen die Verfilmungen und die Übersetzungen seiner Werke in 20 Sprachen.

Oft habe ich den Eindruck, mein Auto läuft leichter und schneller, fahre ich Dortmund entgegen. Ein Bekannter meinte scherzhaft, sein Wagen riecht das Bier. Da mag was dran sein, denn zu Hause ist man in dieser Stadt erst, hat man eine Kneipe betreten, hat man einige Klare gekippt und einige Bierchen, und ich weiß von vielen Ausländern, die mich besuchen kommen, daß Ihre Erinnerungen bestimmt werden von der Grandiosität dieser Stadt - eine Verschmelzung von Fortschritt und Scheußlichkeiten, und von den Kneipen, denn Kneipen in Dortmund sind gleichbedeutend mit Menschen dieser Stadt.

aus: Max von der Grün: Dortmund. Liebeserklärung an eine Stadt, die ich nicht liebe
Sendemanuskript einer Radiosendung. Hessischer Rundfunk, 30. Dezember 1970

Geboren wurde Max von der Grün am 25. Mai 1926 in Bayreuth. Seine Eltern arbeiteten in der Porzellanindustrie in Franken. Nach der Volksschule machte er in eine kaufmännische Lehre, wurde 1943 zur Wehrmacht eingezogen und geriet in amerikanische Gefangenschaft. 1948 kehrte er zurück, wurde aber in seiner Heimat arbeitslos und zog deshalb 1951 ins Ruhrgebiet. Bis 1963 arbeitete er als Schlepper, dann als Hauer und nach einem Unfall als Grubenlokfahrer auf der Zeche Königsborn II/V in Kamen-Heeren.

Als seine Universität bezeichnete er einmal seine Zeit in Amerika, die er mit intensiver Lektüre der Weltliteratur füllte. Er hatte vieles nachzuholen, auch wenn das Lesen in seinem Elternhaus, anders als in vielen Arbeiterhaushalten damals, durchaus üblich war. Die Verbote der Nationalsozialisten hatten den Zugang zur Literatur eingeschränkt, aber ein mutiger Lehrer steckte ihm heimlich verbotene Bücher zu. Die historischen Miniaturen „Sternstunden der Menschheit“ gehörten dazu, die eine lebenslange Verbundenheit mit dem Werk  Stefan Zweigs begründeten.

In den 1950er Jahren folgten erste Schreibversuche und auch ein erster Roman. Einen Verleger fand von der Grün aber nicht dafür, so dass er sich mit der Bitte um Hilfe an Fritz Hüser, den Direktor der Volksbüchereien in Dortmund, wandte. Hüser, der ein Archiv zur Arbeiterdichtung aufgebaut hatte und nach jungen Autoren suchte, vermittelte Max von der Grün an den Paulus Verlag in Recklinghausen. Dort erschien zunächst „Männer in zweifacher Nacht“, es folgte unmittelbar 1963 der Roman „Irrlicht und Feuer“. Dieser zweite Roman machte Max von der Grün mit einem Schlag bekannt, umstritten, arbeitslos, aber auch zu einem fortan erfolgreichen freien Schriftsteller.

Ein junger Max von der Grün am Schreibtisch in den 1950er Jahren. Foto: privat

In dem Roman schildert Max von der Grün den gefährlichen Arbeitsalltag der Bergleute, die von strikten Vorschriften und strengen Hierarchien abhängig sind, wobei Arbeitssicherheit und Gesundheit gegenüber Wirtschaftlichkeit zurückstehen müssen. Es wird beschrieben, wie sich auf Grund mangelnder Sicherheitsprüfungen die Kette eines Kohlenhobels löst und einem Steiger den Kopf abschlägt. Zwar wurde kein Name einer Herstellerfirma genannt, aber die Bergbauzulieferfirma Westfalia aus Lünen strengte gegen den Verlag einen Prozess an.  Die Firma verlor den Prozess, aber Max von der Grün fand in der Folge im Ruhrbergbau keine Arbeit mehr. Mit dem Roman hatte er sein angestammtes Umfeld gegen sich aufgebracht. Seine Gewerkschaft, die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, entzog ihm die Unterstützung, weil er ihren Einsatz für Interessen der Arbeiter als unzureichend anprangerte. Seine Kumpel feindeten ihn an, weil er ihr Verhalten als angepasst und nur auf den eigenen Vorteil bedacht schilderte.

Es folgten weitere Romane, Erzählungen, Essays, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Hörspiele, Theaterstücke und Fernsehverfilmungen der Bücher, sogar das Libretto einer Oper gehörte dazu. Zu Auslandsreisen u. a. nach Osteuropa, in die Türkei, nach Afghanistan und Pakistan, in die USA und Frankreich und in die skandinavischen Länder wurde er eingeladen, um dort seine Bücher vorzustellen. Die politische und soziale Situation der Arbeiter und Gastarbeiter, den einfachen Menschen in der Mittelschicht, blieben Kernthemen seiner Werke. Außerdem sah Max von der Grün das Wiedererstarken rechtsextremer Kräfte als Gefahr aufziehen. Geprägt hatte ihn die Verhaftung seines Vaters durch die Nationalsozialisten vor den Augen des damals Zwölfjährigen. Aus dieser Erfahrung heraus schrieb er 1979 die autobiografische Dokumentation „Wie war das eigentlich?“ als Warnung gegen die rechten Tendenzen in der Bundesrepublik.

Das Schicksal seines Sohnes Frank, der als Mensch mit Behinderung geboren wurde, war Anstoß für die „Vorstadtkrokodile“. Tausende Zuschriften von Kindern und Jugendlichen erreichten ihn dazu, und die Verfilmung 1977 war ein riesiger Erfolg.

Für einzelne Werke wie  für das Gesamtwerk wurde Max von der Grün vielfach geehrt,  unter anderem erhielt er das Goldene Lorbeerblatt des Deutschen Fernsehfunks (DDR) für die Verfilmung von „Irrlicht und Feuer“ (1966), den Großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg (1973), den Wilhelmine-Lübke-Preis des Kuratoriums Deutsche Altershilfe für das Fernsehspiel „Späte Liebe“ (1979), den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis (1981), die Reinoldus-Plakette der Stadt Dortmund (1982), den Gerrit-Engelke-Literatur-Preis (1985), den Reinoldus-Ehrenring der Stadt Dortmund (1987), den Literaturpreis Ruhrgebiet (1988), den Kogge-Literaturpreis der Stadt Minden (1998) und den Verdienstorden des Landes NRW (1991).

Max von der Grün starb am 7. April 2005 in Dortmund. Die Ausstellung, die in der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund bis zum 16. Mai 2026 zu sehen ist, wirft Schlaglichter anhand des Nachlasses auf Leben und Werk Max von der Grüns.

Einige Ausgaben der Werke von Max von der Grün. Foto: Volker Zaib

Mit vielen verschiedenen Veranstaltungen bieten die Fritz Hüser-Gesellschaft e.V., das Fritz-Hüser-Institut und mit ihnen zahlreiche Kooperationspartner während des ganzen Jahres 2026 Gelegenheit, das Werk Max von der Grüns neu zu entdecken. Lesungen an verschiedenen Orten, Filme im Kino im U und Ausstellungen in der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund und in Haus Wenge in Dortmund-Lanstrop werden stattfinden: alle Termine und Informationen unter www.100jahremaxvondergruen.de und bei Instagram @100jahremaxvondergruen.

Artikel teilen

Vorheriger Artikel

Liebhaber der Literatur und des Ruhrgebiets