Von Tobi Katze
Ich verdiene mit dem Schreiben nicht mehr genug Geld, um das noch beruflich zu machen.
Schmuckloser Einstieg, ich weiß, schien mir aber ob der Trostlosigkeit des ganzen Themas irgendwie sehr passend. Die Zeit des Fabulierens ist vorbei. Kann sich kein Mensch mehr leisten. Also, das Rumfabulieren um den heißen Contentbrei herum. Schreiben hingegen hat man sich eigentlich immer leisten müssen. Und nie leisten können.
Schreiben ist, wie so ziemlich alle kreativen Jobs, eine Tätigkeit, an der alle Geld verdienen – bis auf den, der’s macht.
Bisschen drastisch formuliert, gebe ich zu, aber ich schreibe meine Texte ganz gerne so, dass sie oder ich jederzeit mittendrin aufgeben können und trotzdem alles Wichtige gesagt ist.
Und da ich zum Glück irgendwie so halb for realz arbeitslos bin, habe ich ein bisschen Zeit, um diesen Artikel darüber zu schreiben (für den ich dankenswerterweise entlohnt werde – mit Ironie schmeckt das trockene Brot gleich doppelt so gut).
Alles ist Plattform
Früher war, natürlich, aber auch ernsthaft, alles besser. Die Wertschöpfungskette eines Buches war sehr linear und übersichtlich. Autor schreibt Manuskript, Verlag findet gut, macht Buch, Handel verkauft an Kunden. Zwischendurch macht irgendwer Werbung. Alle sind happy, alle haben Bock auf gute Bücher, denn das ist die Konstante, die den Kauf garantiert. Das ist die oberste Priorität. Ein gutes Produkt, von dem die Leute wissen, denn nur so kommt Geld ins Haus.
Auftritt: Das Zeitalter der Plattformen.
Heute™ ist die Wertschöpfungskette ganz grundlegend anders strukturiert. Denn sogenannte „Plattformen“ haben sich unter dem Deckmantel der „Convenience“ in diese Kette reingezeckt und uns allen ein komplett neues Wertemodell aufgenötigt.
Streamingdienste: Geschäftskonzept Sägemehl
Streamingdienste wie Spotify und Kindle Unlimited verdienen ihr Geld nicht durch den Verkauf von Werken – sondern durch Anwesenheit der Kundschaft. Durch eine Zugangsgebühr zu ihrem Katalog. Und ein Katalog lebt von drei Dingen: einem schönen Cover, zwanzig, dreißig wirklich guten Werken – und von seiner Größe. Das Cover und die guten Werke hat man schon, die haben Industrien mit anderen Geschäftsmodellen hervorgebracht, als es (siehe oben) noch Sinn ergab, Ressourcen auf Qualität zu verwenden. Bleibt also noch die Größe, der Umfang des Katalogs, und da lässt sich ganz pragmatisch auf Sägemehl zurückgreifen. Denn:
Ein Produkt muss heute nicht mehr gut genug sein, damit man es kauft – es darf nur nicht SO schlecht sein, dass man deswegen kündigt.
Was es primär sein muss: verfügbar. Weil sich mit Streaming nicht nur das Geschäftsmodell geändert hat – sondern im zweiten Schritt auch das Produkt selbst. Streaming verkauft keinen Zugang zu Kunst. Streaming verkauft die Abwesenheit von Stille. Als Service.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Kunst inzwischen lediglich Geräusch geworden ist – mitnichten. Ich will nur sagen, dass es aus Sicht der Plattformen keinen Unterschied macht. Aus Sicht der Plattformen sind Künstler*innen also Bereitsteller von Geräusch, von Content, Inhalt, Füllmenge. Und diese Sichtweise prägt ein Verständnis von Kunst und ihrem Wert, was sich in Preisgestaltung und Verfügbarkeit spiegelt. Sie wird neu kontextualisiert. Sie wird, um es auf ein einziges, unerhört treffendes Wort runterzubrechen:
Ramsch.
Und wenn der „Vermieter“ seine Waren als Ramsch begreift, dann fühlt sich Ware leider auch schnell nach Ramsch an. Allein durch den Kontext, in dem sie angeboten wird. Eine Ming-Vase verliert massiv an zugeschriebenem Wert, sobald man sie ins Regal vom 1-Euro-Laden räumt. Und das passiert eben auch mit Kunst bei Streamingdiensten.
Sie wird arbiträr, wie Leitungswasser. Es ist nur wichtig, dass sie DA ist.
Kunst ist also immer verfügbar. Was im Mindset von Angebot und Nachfrage schon ein ganz schlechtes Zeichen ist. Und DANN zahlen wir auch noch nichts dafür. Also, natürlich schon, aber die einmalige Transaktion von 12,99 am Monatsanfang emotional mit dem Kauf von Kunstwerken in Verbindung zu bringen – viel Glück. Wer sich das schwer vorstellen kann, könnte sich ja mal ein Deutschlandticket kaufen und runterzählen, ab wann sich das Gefühl einstellt, dass Bahnfahren komplett umsonst ist. Bei mir waren’s ungefähr vier Tage.
Kunst ist also gefühlt umsonst – UND immer da. Sie sinkt deshalb in unser aller gefühlter Wirklichkeit im Wert. Und deshalb sinkt auch der gefühlte Bedarf, die Notwendigkeit von KünstlerInnen, die sie herstellen.
Es klingt paradox, aber genau dieses Argument begegnet mir immer wieder. Wir brauchen keine Bücher. Es gibt ja schon Bücher. Aus den USA. Wir haben doch ganz andere Probleme.
Ich meine, wir können gerne darüber streiten, ob unter anderem ICH derjenige sein sollte, der Schreiben als Beruf ausübt. Aber DASS es jemand tun sollte – darüber sind wir uns einig, oder?
Und genau das ist das Problem: seit ein paar Jahren sind wir uns darüber eben NICHT mehr einig.
Bücher werden zum Nebenprodukt des Entertainments
Der Marktplatz fragt nach Content Creator*innen. Social-Media-Plattformen brauchen niemanden, der Bücher schreibt – sie brauchen Menschen, die Bücher geschrieben haben und darüber reden. Oder, noch besser, die andere daran teilhaben lassen, wie sie Bücher schreiben. Und die Verlage brauchen Menschen, die man sehen kann, durch den digitalen Nebel dieser Plattformen, um Bücher zu verkaufen.
Es geht also nicht mehr unbedingt darum, ein Buch zu schreiben – oder gar ein gutes Buch zu schreiben -, sondern darum, gut ein Buch zu schreiben.
Viele erledigen das in einem Abwasch – und auch ich bemühe mich immer wieder darum. Aber es ist eben eine modifizierte Variante meines Jobs. Ein Teil meiner Energieressourcen muss dafür draufgehen, die Welt da draußen immerzu und ständig unterhaltsam wissen zu lassen, dass ich existiere und, halten Sie sich fest, ein Buch schreibe. Ohne allen dabei aber auf den Sack zu gehen.
Klappern gehörte immer zum Handwerk, nicht falsch verstehen, aber die Zahl meiner Social Media Kontakte wird inzwischen in den Buchhandelskatalogen größer geschrieben als der Titel, an dem ich gerade arbeite.
„Herzraketenlabor“, im Übrigen. Eine verträumte Geschichte über Neurodivergenz und Einsamkeit. Boris Vian meets Stardew Valley, aber mit Hochhäusern. Falls ein Verlag mitliest.
Das mit den Social Media Kontakten ist auch erstmal gar nicht verwerflich. Es ist nur schlimm. Weil Social Media eben nicht primär die zusammenbringt, die mehr über selbstgebautes Feuerwerk und spleenige Schrottsammler lesen möchten – sondern eher die Sorte Mensch, die sich darüber aufregt.
Weil streitende Menschen lukrativer sind.
Mein Job ist es aber eben nicht, „Content“ zu „createn“, mit dem die Leute interagieren. Mein Job ist es, ein Erleben in Sprache zu übersetzen, damit auch andere es erleben mögen. Bücher schreiben also. Das ist den Verlagen auch nach wie vor wichtig. Nur diesem Gatekeeper, den wir zwischen Verlage und die Menschen gesetzt haben, dem ist das eben nicht wichtig. Für diese Plattformen, da sind Bücher, so hart das klingt, da ist alles Menschgemachte, ein Abfallprodukt. Etwas, das hinten rauskommt, wenn Menschen um Aufmerksamkeit buhlen.
Death by a thousand cuts
Aber, große Frage zum Abschluss: Was hat das alles nun mit mir und vielen meiner Kolleginnen und Kollegen zu tun, die seit einiger Zeit scharenweise in die Festanstellung abrutschen?
Nichts. Und alles. Nichts von dem, was ich hier beschreibe, ist allein dafür verantwortlich, dass immer weniger Menschen von ihrer Kunst leben können. Es ist die Summe. Death by a thousand cuts.
Kunst ist das falsche Produkt für einen Markt, der nach Geräusch abrechnet. Der einzige Ausweg scheint, lauter zu schreien.
Aber ich bin heiser. So unendlich heiser.