Kolumne

Von hier aus gelesen: Gähnende Leere

Die neue Kolumne von Lukas Hermann

Das Lesen ist eine Baustelle.

An manchen Tagen beginnt der Literaturbetrieb mit einem Baggermanöver. Seit kurzem steht so einer direkt vor der Tür meiner Buchhandlung an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen. Er ist knallgelb, hoch wie ein kleines Haus, mit einem langen, ungelenken Arm, der geduldig Erde und Schotter bewegt. Woher und wohin, das ist mir immer noch nicht ganz klar. Mal wird ein Kanalloch ausgehoben, mal ein neuer Teerweg für Autos verlegt, mal irgendetwas geschweißt. Gerade wird die Straße wieder aufgerissen, um eine Straßenbahnweiche zu verlegen. Vier Jahre lang soll dieses Schauspiel andauern, heißt es. Drei Spielzeiten finden offenbar direkt vor meinem Schaufenster statt.

Drinnen ist es trotz Einfachverglasung von 1902 und sehr aktiver Baggerei überraschend still. Ich sitze am Computer und surfe in Kund*innenabwesenheit zu Perlentaucher.de, um die tägliche Sammlung an Literaturkritiken aus den großen Zeitungen zu lesen. Es ist eine dieser Routinen des Buchhandels: ein schneller Blick darauf, worüber gerade gesprochen wird.

Nur dass es an diesem Tag nichts zu sehen gibt.

Es herrscht gähnende Leere im Literaturnetz, fast so wie im neuen Loch vor meiner Ladentür.

Draußen tun sich Löcher auf, ebenso wie in den Literaturspalten der Feuilletons.

Keine Besprechung in der FAZ, keine in der Süddeutschen, keine in der Zeit. Der Perlentaucher vermerkt das mit einer gewissen Verwunderung. Es ist der erste Tag in seiner Geschichte ohne Literaturkritiken in den großen deutschen Zeitungen. Nur der Deutschlandfunk, der liefere noch. Wenigstens das.

Natürlich wird die Literatur nicht begraben, nur weil an einem Tag mal keine Rezensionen erscheinen. Bücher werden trotzdem geschrieben, verkauft und gelesen. Aber die Leerstelle macht mich dann doch nachdenklich. Denn Rezensionen haben doch total viele wichtige Funktionen, oder nicht? Bücher öffentlich verhandelbar machen etwa. Dich dazu bringen, Argumente zu formulieren, Maßstäbe anzulegen, Widerspruch zu riskieren.

Als Buchhändler weiß ich aber andererseits auch: Der Kontakt zu Büchern entsteht in der Regel nicht über Rezensionen in der Zeitung. Er beginnt mit einer Geschichte, einem Gefühl oder einer persönlichen Empfehlung, im Buchladen, im Lese- oder Bekanntenkreis. Du wirst auf etwas gebracht und bist plötzlich berührt, irritiert oder begeistert. Du erzählst davon weiter. „Das musst du lesen“, sagst du. Oder: „Das könnte dir gefallen.“

Literaturkritiken in der Zeitung sind natürlich auch ein solches Gespräch, ein öffentlich geführtes. Wenn an einem Tag keine einzige Rezension erscheint, verliert es kurzzeitig einen seiner sichtbarsten Orte. Während ich nun aber darüber nachdenke, ob dieser Verlust für mich überhaupt bedeutsam ist, hebt der Bagger eine weitere Ladung Schotter aus der Baugrube. Der große Plan für die Bochumer Straße besteht in Flüsterasphalt, modernen Straßenbahnschienen und einem neuen, breiten  Gehweg. Bislang liegen jedoch vor allem immer wieder irgendwelche Kabel und Rohre brach.

"Während ich nun aber darüber nachdenke, ob dieser Verlust für mich überhaupt bedeutsam ist, hebt der Bagger eine weitere Ladung Schotter aus der Baugrube."

Infrastrukturen verändern sich eben selten plötzlich. Meist merkt man erst nach einiger Zeit, dass sich etwas verschoben hat. Vielleicht gilt das auch für den Literaturbetrieb.

Buchempfehlungen gibt es inzwischen überall. In Buchhandlungen, in Podcasts, in Blogs, auf Social Media. Menschen sprechen, ist man einmal in der Bubble, eigentlich nur noch über Bücher. Das ist, finde ich, eine positive Entwicklung. Literatur lebt davon, dass sie weitergereicht wird, oder, um das Motto eines meiner liebsten Bücher aus dem letzten Jahr zu zitieren: „Was ist ein Buch, wenn nicht das, was von Hand zu Hand geht.“

Vielleicht wirkt ein Tag ohne Literaturkritiken auf Perlentaucher deshalb so merkwürdig auf mich, der keine Menschen kennt, die mit der Zeitung in den Laden gerannt kommen und sagen, sie bräuchten dringend, ja heute sofort, diese und jene Neuerscheinung. Er zeigt so beiläufig wie deutlich, wie fragil Weitergeben von Begeisterung und echte Begegnungen heutzutage sind. (In der WAZ finde ich kaum noch spannende Rezensionen.)

Unbeeindruckt davon streckt draußen der Bagger wieder und wieder seinen Arm in die Baugrube. Dort wo sie klafft, liegt schon bald die Weiche, dank der die Straßenbahn zwischenzeitig einspurig die Bochumer Straße entlang fahren wird – der zusätzliche Platz wird für das Verlegen der Fußwege benötigt. Am Ende der Bauphase (hoffentlich 2029!) liegen dann neue Schienen in der Mitte der Straße und die Fahrt geht weiter wie vorher – aber halt anders.

Immer wird alles umgebaut. Neue Orte entstehen, andere verlieren an Bedeutung. Nie ist klar, wohin die Wege führen. Aber wenn irgendwo eine Weiche verlegt wird, lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben und dabei zuzusehen. Auch ohne Kritik. Denn es rattert so schön!

Wo führt das alles hin? Ein paar Weichen werden neu gestellt in Gelsenkirchen-Ückendorf. Sowohl metaphorisch, als auch ganz real.

Über den Autor

Lukas Hermann ist Buchhändler, Musiker und Kulturvermittler. Er betreibt in Gelsenkirchen-Ückendorf den Buch- und Plattenladen readymade und den Projektraum irgendDorf. Zudem ist er Co-Herausgeber der Literaturzeitung BRACHE und veröffentlicht unter dem Label sirren ab Ende 2026 auch Bücher.

Seine Kolumne „Von hier aus gelesen“ erscheint ab jetzt regelmäßig hier im Magazin auf literaturgebiet.ruhr.

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