Kolumne

Building an audience: Das Publikum als Baustelle

Kolumne von Lukas Hermann

In Ückendorf muss das Publikum mitunter Straßensperren überwinden, um zum Ziel zu kommen. Hier vor dem Buchladen unseres Kolumnisten Lukas Hermann. ©Ole-Kristian Heyer

Juni 2026. Eine Hitzewelle überwältigt Gelsenkirchen. Sie ist kein Freund des Menschen, noch weniger des Stadtteilbuchhändlers: Steigt das Thermometer über 30° Celsius, verbringen die Leute ihre Zeit definitiv lieber woanders als im Buchladen. Ich hingegen bin auch jetzt gern hier, bei offener Tür, durch die mit fast unmerklichen Brisen auch das Dröhnen der Maschinen an der Großbaustelle hineinweht. Einen Monat Vollsperrung hat die Bochumer Straße gerade hinter sich. Erste Gehwege sind erneuert, aber vor dem Laden sieht noch alles aus wie vorher. Manchmal ruckelt es im Untergrund, irgendwo entstehen Abgase. Die Arbeiter tragen keine Lärmschutzkopfhörer, ich solidarisiere mich mit ihnen.

Mittels Absperrungen sind auf der Länge von 20 Häuserfronten drei leere Plätze auf der Straßenfläche aus bloßem Schotter entstanden. Sie sind leer, scheinbar ohne echte Funktion – und gerade deshalb faszinieren sie mich, in akademischer Sichtweise sozusagen. Denn ich möchte meinen, dass ich inzwischen zu so etwas wie einem professionellen Baustellenphilosophen geworden bin.

Baustellen machen die Bochumer Straße in Ückendorf momentan zum Sperrgebiet. Foto von Lukas Hermann

Das heißt einerseits, dass es mich langsam, aber sicher beginnt zu interessieren, wie genau so ein Plattenrüttler zum Planieren von Asphalt im Detail funktioniert. Vor allem aber ertappe ich mich dabei, in Bezug auf den Buchhandel und die Literatur immer öfter in Baustellenanalogien zu denken. Und dabei wiederum ist mir aufgefallen, wie viele Baustellen es im sogenannten Kulturbetrieb gibt, wie viele Umleitungen und Staus. Die größte Baustelle ist laut meinem aktuellen Forschungsstand die Frage nach dem Publikum – beziehungsweise danach, wie man es heute überhaupt noch „erreicht“.

Building an audience“, sagt man gern, sei das Wichtigste überhaupt. „Sich ein Publikum aufbauen“. Ohne das gehe es nicht. Doch ist das nicht eine krude Art und Weise zu sprechen? Als wäre das Publikum eine formbare Masse, Zement zum Errichten moderner Kulturtempel, und Kulturveranstaltende allesamt Abkömmlinge Frankensteins, auf dem technoiden Weg zur Herstellung bereitwillig für ihre Events zahlender Kultur-Cyborgs?

Wenn man ein Publikum aufbauen kann, kann man es dann auch errichten, aufschütten, pflastern, anbaggern, verlegen, planieren, abbauen, absperren? Und was passiert beim Baustopp?

Es ist nicht zu leugnen, dass in vielen Sparten immer weniger Menschen Kulturveranstaltungen besuchen. Wie können wir dem entgegenwirken?, fragen sich gefühlt immer noch mehr Veranstaltende. Mir scheint ein permanentes Anbiedern, gepaart mit ständiger Neuausrichtung und Entwicklung „frischer Formate“, gerade der way to go zu sein. Wir kennen die Schlagworte: Aufsuchende Kulturarbeit, partizipative Konzepte, Transformation, Literaturvermittlung auf Augenhöhe… Aber sind das gleich Lösungen, nur weil sie in der Theorie, als Begriffe, Leerstellen im Denken offenbaren und kaum verhandelte Themen ansprechen?

Die Baustellenphilosophie eröffnet mir eine alternative Betrachtung dieses Problems. Es ist eine, die ich von den Baggern gelernt habe. Sie wird emblematisch verkörpert von den seltsam unkonkreten, eingezäunten Plätzen auf dem Schotter. Sie besagt, dass alles im Leben Fläche und Intransparenz zugleich ist. Bedeutet konkret: Du kannst eine Frage, ein Thema gedanklich so gut es geht kartieren, aber der Untergrund und das Unvorhersehbare wird dennoch verborgen bleiben, wie eine Wand, hinter deren Rohrwerk nach dem Abbruch plötzlich eine weitere Wand ist. Wie der Schotter unter dem noch nicht aufgebrochenen Asphalt. Wie der abgezäunte Straßenraum ohne deklarierte Funktion und ohne Einlasskontrolle.

In meiner Erfahrung bleibt auch das Publikum von Kulturveranstaltungen notorisch unkartiert, egal wie gut es im Vorfeld einer Veranstaltung analysiert und prognostiziert wird. Perfekt konzipierte Festivals erreichen mitunter doch nicht die ‚Richtigen‘, Lyriklesungen werden selbst mit groß angelegten Insta-Kampagnen zur no show. Warum also nicht einen ganz anderen Weg gehen: Sollten wir ‚das Publikum‘ vor den Veranstaltungen vielleicht einfach in Ruhe und es selbst entscheiden lassen, warum es zu kommen hat? Ihm nicht auf zig verschiedenen Marketingwegen zu verstehen geben, dass es zu kommen habe, wann es zu kommen habe und wie. Am Tag der Events in Ruhe eintreten, hinsetzen, für sich selbst die Dinge betrachten, aufbrechen, verarbeiten. Vielschichtig sein. Ist das vielleicht eine Option?

Denn: Wird das Publikum im Vorfeld nicht so bedrängt, könnte es im Nachgang sogar womöglich selbst zur Sprache kommen. Dafür sollten wir uns wegbewegen von Veranstaltungen des „Hör zu, was ich zu sagen habe“, hin zum „Hier sind wir nun, sprechen wir miteinander“. Dann sitzen nämlich plötzlich wirklich Menschen zusammen, die sonst eher wenig miteinander zu tun haben, in vorher unbestimmten Räumen. Die gemeinsam den knarzenden Boden des Eventsaals als vielschichtige Diskursfläche öffnen, ohne vorherige Kontrolle der Besucherströme. Auf die Gefahr hin, dass es auch mal leer bleibt, wenn nicht mehr die Klickzahlen und Eintrittsgelder zählen.

Building an audience. Auf den abgesperrten Plätzen saßen beim letzten Viertelfest die Menschen auf Klappstühlen, mittendrin.

Beim letzten Viertelfest eroberte sich das Publikum die Baustelle. ©Ole-Kristian Heyer

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