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Stella Gaitano: Weltliteratur aus Kamen

Die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete sudanesische Schriftstellerin kam als "writer in exile" nach NRW

Unterstützt vom Deutschen PEN lebt Stella Gaitano lebt seit einigen Jahren in Kamen. Foto: Max Goedecke

Von Stefan Keim

Zwei Generäle kämpfen seit zweieinhalb Jahren um die Macht. Der blutige Krieg im Sudan ist laut UN die größte humanitäre Katastrophe der Welt, geschätzt 12 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. In deutschen Medien kommt er selten vor. Andere Krisen, Kriege und Konflikte überlagern ihn. Stella Gaitano hat sich immer wieder kritisch gegen Gewalt, Korruption und Misswirtschaft geäußert und wurde deshalb bedroht. Gerade ist ihr Roman „Eddos goldenes Lächeln“ in deutscher Übersetzung von Larissa Bender bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Eine massiver Schrank steht an der Wand und sieht typisch deutsch aus. Doch die flachen Sofas und die bunten Decken auf dem Tisch erinnern an Afrika. Die Einrichtung des Wohnzimmers erzählt von einem Leben in mehreren Kulturen. Das kennt die Schriftstellerin Stella Gaitano seit ihrer Kindheit. „Wir sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen.“ erzählt sie. „Wir konnten keine davon zurückweisen. Ich bin aus dem Südsudan, aber ebenso aus dem Norden. Sudan ist sehr groß und sehr unterschiedlich. Da gibt es ganz verschiedene Aspekte in meiner Identität.“

Geboren wurde Stella Gaitano 1979 in Khartum, der sudanesischen Hauptstadt. Zu dieser Zeit flohen viele Menschen aus verschiedenen afrikanischen Staaten in die Metropole. Auch Gaitanos Eltern, die aus dem ärmeren Süden des Sudan kamen und ihrer Tochter die Sprache und Geschichten ihrer Heimat beibrachten. 2011 würde Südsudan zu einem eigenständigen Staat, und die Autorin zog dorthin. Sie hat Pharmazie studiert und arbeitete als Apothekerin. Neben dem Brotjob veröffentlichte sie Reportagen und Erzählungen. „Unsere Leute in Afrika und im Sudan“ sagt sie, „sind von Natur aus Geschichtenerzähler. Ich glaube, das habe ich von Ihnen geerbt.“

Einige dieser Geschichten sind unter dem Titel „Endlose Tage am Point Zero“ bei der Edition Orient in Berlin erschienen. Sie erzählen vom harten Leben in Südsudan. Aber sie sind auch unterhaltend und lebendig, heftig, aber auch humorvoll. In „Eine ganze halbe Leiche“ zum Beispiel streiten sich zwei Brüder um den toten Körper ihrer Mutter. Einer sagt: „Für mich ist der Oberkörper, denn ich konnte nie ihren Verstand, ihr Herz und ihren Schoß genießen. Deshalb will ich die obere Hälfte haben.“ Schwarzer Humor mit bitterem Hintergrund, zwischen grimmigem Lachen und empathischer Tragik.

Stella Gaitano

„Ja, ich benutze Humor, wenn ich Geschichten erzähle. Ich kann in meinen politischen Artikeln sehr hart und kritisch sein. Das ist der Unterschied. In Geschichten erzähle ich vom Leben, den verschiedenen Seiten des Menschseins. Es soll Freude machen, sie zu lesen. Wer eine Geschichte oder einen Roman von mir liest, kann neu darüber nachdenken, was gerade passiert.“

Als es im Sudan für Stella Gaitano und ihre beiden Söhne zu brenzlig wurde, hat die Organisation PEN Deutschland der Autorin ein Stipendium verliehen. Seit vier Jahren wohnt sie nun mit ihren beiden Söhnen in Kamen. „Den Sudan zu verlassen,“ erzählt die 46jährige, „hat für mich einen großen Verlust bedeutet. Nun kann ich natürlich sehr traurig sein, dass ich alles verloren habe und mich hier keiner kennt. Aber ich will nicht in einem Käfig der Trauer gefangen sein. Ich will anders denken. Ich habe einen Ort des Kriegs und der Gewalt verlassen, aber nicht nur um irgendwo sicher zu sein. Ich versuche, ein neues Leben zu finden. Das ist sehr anstrengend, dafür braucht man ein offenes Herz und einen offenen Geist.“

Das neue Leben zwischen deutscher Schrankwand und afrikanischen Sofas ist nicht leicht. Das Stipendium ist ausgelaufen, nun hat Stella Gaitano Asyl beantragt. Sie arbeitet in Dortmund bei der AIDS-Hilfe und ist finanziell unabhängig. Das ist ihr wichtig, sie hat absolut keine Lust, ein Opfer zu sein. Ein Sohn spielt im Fußballverein. Stella selbst liebt das internationale Frühstück, das die Gruppe PRO MENSCH Kamen anbietet. Da bringen alle Essen aus ihren Herkunftsländern mit, es gibt immer ein buntes Buffet. „Kamen ist eine kleine Stadt,“ sagt die Autorin, „aber offen, freundlich gegenüber Geflüchteten. Und diese Organisation bietet uns einen sicheren Platz, um Kontakte zu knüpfen und uns kennenzulernen.“

Natürlich spürt auch Stella Gaitano, dass der Rechtspopulismus in Deutschland stärker wird. Aber bisher fühlt sie sich im Ruhrgebiet sicher. Mit ihren Verwandten und Freunden im Sudan ist sie täglich im Kontakt und weiß, dass sie im kulturellen Leben ihrer Heimat weiterhin eine Rolle spielt. „Du kannst besser arbeiten, wenn du weiter weg bist“, erklärt sie. „Denn deine Worte und deine Stimme sind immer noch da. Ohne Freiheit wäre das nicht möglich.“

Nun hat sie eine Menge Lesungen vor sich, ihr acht Jahre alter Roman „Eddos goldenes Lächeln“ ist gerade auf Deutsch erschienen. Eine zeithistorische Geschichte über zwei Frauen im Sudan, kraftvoll und vital. Wird Stella Gaitano demnächst über Deutschland schreiben? „Das wird kommen“, antwortet sie ohne Zögern. „Im Augenblick beobachte ich noch. Ich möchte nichts Oberflächliches schreiben, sondern erst einmal die Menschen hier und ihre Kultur tiefer verstehen. Deutschland ist ein reiches Land, in Sudan werden viele denken, hier gibt es keine Probleme, alle sind glücklich. Aber überall haben die Menschen echte Probleme.“

Wenn es komplizierter wird, spricht Stella Gaitano noch gern Englisch. Sie schreibt übrigens in arabischer Sprache. Aber ihr Deutsch wird immer besser. Sie sagt auf Deutsch, was sie sich von der Zukunft erhofft. „Für mich ist das Reisen wichtig, mit Leuten zusammenarbeiten oder mit ihnen irgendetwas machen, dann kann ich diese Leute richtig kennenlernen.“

Dieses Porträt bildet den Auftakt einer kleinen Reihe. Denn neben Stella Gaitano leben drei weitere Autoren als writers in exile im literaturgebiet.ruhr. Sie kommen aus dem Irak, China und Kuba. In den kommenden Wochen werden sie alle hier im Magazin vorgestellt.

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