Schreibprojekt

Esra Canpalat bei STROBO:Stimmen

Esra Canpalat „Wenn ich sehe, suche ich“

Wenn ich laufe, sehe ich. Wenn ich sehe, suche ich. Ganz gleich, ob ich in einer mir fremden Stadt bin, oder die mir bereits bekannten Wege ablaufe. Ich merke nicht, wie ich sehe. Wie die Bilder, wie die Augen anderer in meine Augen kommen, oder ich zu ihnen komme. Und manchmal merke ich nicht, wie ich suche.

Die Gedanken erscheinen zunächst anders. Vielleicht denke ich im Hier an das Weite, habe Fernweh, sehne mich nach einer anderen Sicht, Linsen in unterschiedlichen Stärken, die sich vor meine Augen schieben. Vielleicht kann ich einfach nie Urlaub machen, weil ich nicht weiß, wie man „den Kopf ausschaltet“. Vielleicht denke ich in der Ferne immer nur an das, was ich zurückgelassen habe. Vielleicht kann ich nur an das Nahe denken, selbst wenn oder gerade weil es dann in der Ferne liegt.

Ich suche nur das, was ich bereits kenne. Ich sehe nur das, was ich wiedererkenne. Wiederkennen heißt: Bilder, die nicht nur Projektionen sind, sich nicht nur auf meine Netzhaut legen, meinen Sehnerv treffen, von da aus weiter in mein Hirn wandern, mein Gedächtnis wecken. Sondern Bilder, die wie Glassplitter in mein Auge dringen, mich verletzen. Eine Irritation, nicht verursacht durch einen Fremdkörper, durch etwas mir Unbekanntes. Es ist die Vertrautheit, die mir wehtut. Sehen heißt suchen. Suchen heißt wiederkennen. Wiedererkennen heißt: Platz für Schmerz schaffen.

Ich erkenne wieder, wie ich suche. Vielleicht tut das sogar am meisten weh. Zum Beispiel: Mehrmals ist mir Baba ins Auge gesprungen. Seine ausdrucklosen Augen, seine knubbelige Nase, seine schmalen Lippen, die Hände, die er beim Laufen hinter seinem Rücken verschränkte. Im Wiesental beim Spazierengehen, in Bochum-Hamme, auf dem Weg nach Hause oder in die Innenstadt. In Istanbul, als ich mich schon wieder verlief. Eine anfängliche Aufregung, wenn ich meine, in der Menge das vertraute Gesicht wiederzuerkennen. Dann der Schreck: Nein, er ist es nicht. Für einen Augenblick ist Atmen ein Stich. Es heißt Augenblick, weil das Auge blickt, weil die Zeit zwischen Vergessen und Wiedererkennen nicht mehr als ein Wimpernschlag ist. Dann fühle ich mich aufgelöst. Es heißt im Englischen to be devastated, denn das bin ich in diesem Moment: Zerstört, in meine Bestandteile zerlegt. Ich kann noch so sehr suchen, noch so sehr vergessen, noch so sehr wiedererkennen: Baba ist tot. Kurz danach rückt alles wieder an seinen Platz zurück. Als würde man die Aufnahme der Sprengung eines Gebäudes rückwärtsspielen.

Letztes Jahr machte ich das erste Mal Urlaub in Italien. Noch warst du nicht weggezogen. Aber ich suchte dich bereits in den mir fremden Gassen. Ich sah dein breites Lächeln auf den Lippen von mir unbekannten Männern, deinen Hinterkopf in der Menschenmenge, als ich von einer Arkade in die nächste lief. Ich konnte meine Zerlegung bereits sehen. Ich hatte alles in mein Auge kommen sehen. Ich konnte noch so sehr suchen, vergessen, wiederkennen: Du würdest bald an einem anderen Ort sein. Und ich fragte mich, ob ich danach wirklich wieder die Rückspultaste drücken kann. Als ich wiederkam, sagte ich: Ich kann das nicht.

Du gingst. Und ich erkannte dich an jeder Ecke wieder. Du standst an der Bar. Ich dachte, es wäre dein Profil. Auf der Straße liefst du auf mich zu. Ich dachte, es sei dieselbe Jacke. Ich stieg in Essen aus. Ich wusste, du wohntest seit Monaten nicht mehr hier. Ich blickte jedem Menschen ins Gesicht, in der Hoffnung, du hättest vielleicht dort eine Spur hinterlassen. Ich erkannte wieder: Sehen heißt suchen. Suchen heißt vermissen. Vermissen heißt: Merken, was fehlt. Ich drückte die Rückspultaste, setzte mich wieder zusammen. Und Vermissen fing von vorne an.

Sechs Monate danach stehst du wieder vor mir. Du siehst mich an. Du sagst: Ich habe dich vermisst. Später sage ich: Da bin ich weggeschmolzen. Das sagen Menschen so. Und sie sagen: Ein bittersüßer Moment. Doch ich wollte sagen: Ich war aufgelöst. Ich erkenne wieder, wie deine Augen eines Nachts zu meinen kamen. Erinnerst du dich, wie ich immer gesagt habe: Jedes Treffen mit dir ist wie das erste und das letzte Mal. Ich habe dich schon damals vermisst. Und ich habe dich gesucht, weil ich wollte, dass du mich mit deinen Blicken wieder auflöst. Ich war zerstört, weil ich nicht mehr zerstört werden konnte, und mich danach nicht wieder zusammensetzen konnte. Ich will sagen: Bitte, lös mich auf. Ich flehe dich an. Du sagst: Das klingt gefährlich. Doch du erzählst auch, wie ich manchmal in deine Augen gesprungen bin. Wie du meine Locken von Weitem gesehen hast, irgendwo in Kreuzberg oder Neukölln. Was hast du noch von mir in den Gesichtern anderer gesehen. Warum hast du gesagt, der Mond würde dich verfolgen. Weil du doch auch, und wenn auch nur für einen Augenblick, mit der Zeit spielen wolltest, alles in sich zusammenbrechen und sich danach wieder zusammensetzen sehen wolltest, um wieder von Neuem zu vermissen. Um wieder von Neuem zu erkennen: Sechs Monate danach kannst du mich auflösen. Und ich sehe und suche.

Esra Canpalat ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin aus dem Ruhrgebiet. Sie schreibt Erzählungen, Essays, Rezensionen, wissenschaftliche Artikel und kulturvermittelnde Texte. Canpalat ist Preisträgerin des Förderpreises des Literaturpreises Ruhr 2021 und belegte den 3. Platz im Literaturwettbewerb „60 Jahre Migration aus der Türkei – Neue Hoffnungen“. Derzeit arbeitet sie an einem Romanprojekt über (post)migrantische Erinnerung und intergenerationelle Traumata. Ihre Themenschwerpunkte sind Inter- und Transkulturalität, Antirassismus, Gender Feminismus, autobiografisches Erinnern und dokumentarisches Schreiben/Erzählen.

 

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„Wenn ich sehe, suche ich“ von Esra Canpalat ist im Rahmen des Projekts STROBO:Stimmen erschienen, eine Kooperation zwischen literaturgebiet.ruhr und STROBO. Zwölf junge Autor*innen aus dem Ruhrgebiet wurden nach ihrer Sicht auf die Welt gefragt. Jeden Monat veröffentlichen wir eine der literarischen Antworten. Hier erfahrt ihr mehr über das Projekt.

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