Literatur

Prekär am Meer

Davon gibt es derzeit einige: Romane über Arbeiter und Geringverdienerinnen, die an den Strand fliehen. Auffallend viele mit Ruhrgebietsbezug.

Ausschnitt aus dem Buchtitel "Die Arbeiter" von Martin Becker (c) Luchterhand

Es sind vielleicht noch nicht so viele wie Sand am Meer, und dass es sich um eine Welle handelt, kann man auch nicht gerade behaupten. Aber die Häufung von Romanen, die die Themen Arbeiterklasse und Prekariat mit der Sehnsucht nach dem Strand verbinden, fällt doch auf.

Wir haben einige Beispiele ausgebuddelt. Gerade aus dem Ruhrgebiet stammende oder hier lebende Autor*innen lassen ihre Geschichten um geringverdienende Menschen an der See spielen. Vier von fünf dieser aktuellen Romane haben einen Ruhrgebietsbezug.

Bereits 2020 schickte Sarah Jäger die Aushilfskräfte eines Pennymarkts irgendwo im Ruhrgebiet in ihrem famosen gleichnamigen Debütroman nach vorn, nach Süden. „Nach vorn, nach Süden“ ist witzige Road Novel, einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte und „vor allem eine kluge und vielschichtige Milieustudie“ (Die Zeit). Ich-Erzählerin „Entenarsch“ macht sich mit ihrer Supermarkt-Hinterhofgang auf die Suche nach dem verschwundenen Jo. Die Lehramtsstudentin ist in der Gruppe eher unbeliebt, hat aber als einzige einen Führerschein und muss deshalb mit. Nach einer Odyssee durch NRW und Süddeutschland finden Entenarsch, Can und Marie ihren Kumpel an der Nordsee. Und die Karten in der Gruppe sind neu gemischt.

Erzählt im mittlerweile berühmten Jäger-Sound, der die Autorin und Buchhändlerin aus Essen auf alle möglichen Bestenlisten katapultierte und ihr u. a. eine Nominierung für den Literaturpreis Ruhr einbrachte.

 

In „Mirmar“ von Josefine Soppa steht das Meer ganz unverstellt für eine Utopie, für den Ausbruch aus der ewigen Tretmühle: Eine Mutter und ihre Tochter halten sich mit Untervermietungen ihrer Wohnungen, digitalen Aushilfsjobs und einer Massageliege über Wasser. Bis die Mutter eines Tages verschwindet. Die Tochter vermutet sie an einem Stück Strand am Meer, wo sie mit anderen Frauen in Unterkünften von ehemaligen Pauschalreiseanbietern leben soll. Sie macht sich auf die Suche und trifft auf eine Bewegung von Frauen, die am Meer in einem Kollektiv zusammenfinden und ein Leben jenseits von Carearbeit, Altersarmut und erfahrener Ungleichheit erproben.

Die aus Oberhausen stammende Autorin erhielt für ihr Debüt den renommierten Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen (Kategorie Förderpreis) 2023.

 

Die 14jährige Billie und ihre Mutter Marika planen ihren ersten Urlaub überhaupt. Marika arbeitet in zwei Jobs und trotzdem reicht das Geld nie bis zum Monatsende. Aber jetzt haben sie bei einem Quiz einen kleinen Betrag gewonnen und freuen sich auf Frankreich, aufs Meer. Doch sie werden nie aufbrechen, denn plötzlich platzt die strenge Großmutter in ihr Leben und ihre Einzimmerwohnung. Und es kommt noch schlimmer… Irgendwann macht Billie sich auf die Suche nach dem Vater, den sie nicht kennt. Und versucht herauszufinden, warum sie immer vom Meer träumt, obwohl sie noch nie da war.

Bezaubernder Debütroman von Elena Fischer. Kein Ruhrgebietsbezug, dafür war „Paradise Garden“ für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert. Auch das Hörbuch steht auf einer Preisliste: für den Deutschen Hörbuchpreis 2024.

Martin Beckers neues Buch „Die Arbeiter“ erscheint im März 24 und ist laut Verlag „eine Liebeserklärung an ein aussterbendes Milieu, dessen Kinder vom großen Los träumten, aber auch mit den Trostpreisen zufrieden sind“:

Manchmal lassen die Eltern die heißen Fabrikhallen hinter sich und fahren los. Mit den Kindern ans Meer, immer an die Nordsee und immer nur für ein paar Tage. Der Rest ist Plackerei: Für das Reihenhaus, für die Kinder, für ein bisschen Glück – wenigstens im Rahmen des Sparkassendarlehens. Martin Becker (Familie stammt aus dem Ruhrgebiet, Vater Bergmann, Mutter Schneiderin) erzählt in „Die Arbeiter“ von einer kleinstädtischen Familie, die es nicht mehr gibt. Von zu früh gestorbenen Eltern und Geschwistern, von einem unverhofften Wiedersehen an der Küste, vom kleinen Wunder, nach dem Verschwinden der Ursprungsfamilie nun selbst Vater zu sein und einen Sohn zu haben.

Ebenfalls im März erscheint im Dortmunder Kopfreisen-Verlag das Debüt von Sarah Weber: „Zwischen den Zeilen passiert das Leben“.

Was bei Jonathan und Emma als Kindheitsfreundschaft auf Borkum begann, entwickelt sich über 21 Jahre zu einer tiefen Verbundenheit. Getrennt durch Studium und verschiedene Lebenswege nehmen sie ihr Ritual aus Kindheitstagen wieder auf und schreiben sich Briefe. Jonathan, von Krebs betroffen, kämpft im Ruhrgebiet um sein Leben. Emmas Rückkehr bringt Licht in seine dunkelsten Stunden, während sie um ihre berufliche Zukunft als Journalistin ringt. Als Emma schließlich nach Borkum zurückkehrt, um Jonathans Lieblingsorte zu besuchen, entdeckt sie etwas tief in sich Verborgenes, das sie eigentlich schon immer wusste.

Sarah Weber lebt als Journalistin, Bloggerin und Mitarbeiterin des „Bollwerk 107“ in Moers.

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